Austrian Airlines Frachtflüge

Warum transportieren Austrian Passagierflugzeuge nun überwiegend Fracht? Was ist notwendig und wie wird geplant? Erfahrt mehr im Interview!

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Viele Zahnräder müssen gut ineinandergreifen, damit diese Flüge überhaupt durchgeführt werden können.

Die „neuen“ Austrian Airlines Frachtflüge

Dass die COVID-19-Krise insbesondere der Luftfahrtindustrie viel Flexibilität abverlangt, haben wir bereits in den Interviews zu den Austrian Airlines Rückholflügen und den geparkten Flugzeugen am Boden erfahren. Seit 21. März 2020 haben einige der Austrian Passagierflugzeuge nun aber auch eine neue Funktion zugetragen bekommen: Innerhalb kürzester Zeit wurde eine Luftbrücke zwischen Österreich und Asien geschaffen, um medizinische Grundausstattung nach Europa zu befördern. Von Schutzmasken und Latexhandschuhen bis hin zu Schutzanzügen - die beförderten Produktionen werden an verschiedenen Stellen in Österreich und Europa dringend benötigt. So etwa in diversen Krankenhäusern, aber auch in Supermärkten und für den Handel. Doch wie sieht so ein typischer Frachttransport in einem Passagierflugzeug aus? Welche Vorkehrungen sind nötig? Und wie plant man das Ganze? Marc Lucas, Austrian Airlines Vice President Operations Planning & Steering, verrät es uns im Interview.

Zunächst: Was sind denn deine Hauptaufgaben bei Austrian Airlines?
Vice President Operations Planning & Steering Marc Lucas

Hauptaufgaben als Austrian Airlines Vice President Operations Planning & Steering

Marc Lucas:

In der Rolle als Vice President Operations Planning & Steering bei Austrian Airlines trage ich vor allem innerhalb des Austrian Airlines Operations Teams die Verantwortung dafür, dass wir unsere Flüge möglichst effektiv planen und einsetzen. Dazu zählt auf planerischer Ebene also etwa die Verantwortung für die langfristige Crew-Kapazitätsplanung für das Cockpit und die Kabine sowie auch die monatliche Dienstplanerstellung für unsere Crews.

Der eher operationell kurzfristige und steuernde Teil meiner Funktion beinhaltet hingegen die Verantwortung der kurzfristigen Crewdisposition, unser Navigations- und Dispatch-Office, in dem die sichere und effiziente Planung unserer Flüge ermöglicht wird, und das Operations Control Center sowie Hub Control Center, welche den gesamten laufenden Flugbetrieb täglich im Sinne höchster Verlässlichkeit, Pünktlichkeit und Passagierzufriedenheit steuern.

Seit Mitte März 2020 trage ich nun temporär die Verantwortung für die Koordination der Frachtflüge auf unseren Passagierflugzeugen. Dabei bin ich Teil eines hochmotivierten Teams von Kollegen und Experten ohne die diese unglaublich tolle und gemeinsame Leistung gar nicht möglich wäre.

Austrian Airlines Flugzeuge am Flughafen Wien
Seit neustem transportieren Austrian Airlines Passagierflugzeuge nun also auch Fracht?
Austrian Airlines Flugzeug in der Luft

Austrian Airlines Passagierflugzeuge im Einsatz als Frachtflugzeuge

Marc Lucas:

Ja und nein. In „normalen Zeiten“ wird sogar bis zu 60% der weltweit transportierten Fracht in den Bäuchen von Passagierflugzeugen befördert. Der Transport von Fracht auf Passagierflügen ist also eigentlich nichts Neues. Neu ist hingegen, dass aufgrund der COVID-19-Krise ein Großteil des globalen Luftverkehrs eingestellt wurde. Gleichzeitig gibt es einen weltweit großen und kurzfristigen Bedarf an Personal Protection Equipment, kurz PPE, also Latexhandschuhe, Schutzmasken und Schutzanzüge.

Diese Produktionen aus Asien können aufgrund der eingeschränkten Verfügbarkeit von Frachtkapazität nicht rasch genug transportiert werden. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, unsere Passagierflugzeuge für die Beförderung bereitzustellen, um so schnell und pragmatisch die wichtigen medizinischen Artikel nach Österreich und in die EU zu transportieren. 

Im Hintergrund arbeiten unsere Planungsexperten daran, diese Flüge möglich zu machen. Unsere Crews müssen eingeplant, Einreiseformalitäten und Visa vorbereitet, die Flugpläne und Flugstrecken durchgeplant und die entsprechenden Strecken- und Überflugsrechte beantragt werden. Jeder Flug ist aufgrund vieler Besonderheiten Handarbeit, wir können inzwischen von einer Frachtflug-Manufaktur sprechen!

Beladung eines Austrian Airlines Flugzeuges
Wie verläuft ein typischer Frachtflug bei Austrian Airlines?
Beladung der Passagiersitze mit Fracht

Typischer Frachttransport in einem Austrian Airlines Passagierflugzeug

Marc Lucas:

Ein großer Teil der Güter wird im Laderaum des Flugzeugs verstaut. Da es sich bei unserer Fracht um besonders wichtige Güter handelt, haben wir auch eine Genehmigung für den Transport in der Passagierkabine erhalten. Diese können wir, weil diese medizinischen Schutzartikel vergleichsweise leicht sind, gut auf unseren Sitzen verstauen. Je nach Verpackungsgröße und Gewicht auch unter den Sitzen und in den sogenannten „Overhead Bins“, wo normalerweise das Handgepäck untergebracht wird.

Dabei gilt es immer eine absolut sichere Befestigung zu gewährleisten, sodass die Güter auch bei Turbulenzen nicht in der Kabine „herumfliegen“ können. Das passiert beispielsweise durch Frachtnetze, die an den Sitzschienen befestigt werden und auf denen auch die Sitze selbst ihren festen Halt finden. Es gilt wie immer „Safety First“. Durch brandhemmende Decken schützen wir zudem unsere teuren Passagiersitze vor Schmutz und Abnutzung. Unsere hochwertigen Business Class Sitze beladen wir hingegen nicht mit Frachtstücken. Und zuletzt gibt es dann noch unsere „Prachter“, also Passagierflugzeuge, bei denen die Sitze entfernt werden, um noch mehr Fracht transportieren zu können. Das Wort „Prachter“ setzt sich zusammen aus Passagierflugzeug und Frachter.

Fracht im Austrian Airlines Passagierraum
Wie sieht denn so ein Umbau eines Passagierflugzeuges aus?
Ausbau der Passagiersitze

Umbau eines Passagierflugzeuges zum Frachtflugzeug

Marc Lucas:

Der reine Umbau des Flugzeuges ist vergleichsweise einfach. Die Sitze werden von unseren Mechanikern ausgebaut. Da diese aber auch eine Verkabelung für das Inflight Entertainment System haben, müssen natürlich auch die entsprechenden Zugänge entfernt werden. Der allgemeine Umbau eines Flugzeuges dauert nur ein paar Tage, in etwa 500 Stunden Arbeit stecken dahinter. Was aber gerne unterschätzt wird, ist der formelle Aufwand eines Umbaus.

So müssen die entsprechenden Arbeiten von der Austrian Technik vorbereitet und lizensiert werden. Unsere Kollegen aus dem Operations Engineering kalkulieren dann beispielsweise die maximale Beladung, die in den Abschnitten des Flugzeugs möglich sind und definieren dann mit unseren Kollegen der Ground Operations die Verfahren, die bei der Beladung der Kabine zwingend zu berücksichtigen sind. All diese Veränderungen müssen auch formell beantragt und von den Aufsichtsbehörden freigegeben werden. Dabei werden wir stetig und kompetent von unseren Kollegen der Operations Safety unterstützt und beraten. Durch das Zusammenspiel aller Beteiligten und das Ineinandergreifen aller Zahnräder, können wir so die größtmögliche Sicherheit unserer Flugzeuge und Crews gewährleisten.

Ausgebaute Passagiersitze
Und was passiert zwischenzeitlich mit den Sitzen?
Austrian Airlines Economy Class Sitze

Die ausgebauten Sitze von Austrian Airlines

Marc Lucas:

Die Sitze werden nach dem Ausbau sicher und geschützt zwischengelagert. Derzeit sind es die Sitze zweier Flugzeuge des Musters Boeing B777-200. Die Sitze müssen danach aber natürlich wieder in das Flugzeug eingebaut werden, sobald es als Passagierflugzeug wieder „auf Strecke“ gehen soll. Der Wiedereinbau der Sitze ist im Übrigen durchaus aufwändiger als der Ausbau. So muss alles wieder an seinem Platz verstaut und die Sitze verkabelt werden. Zudem wird dann jeder Sitz nochmals individuell getestet, also auf sichere Befestigung und sämtliche Funktionen, wie etwa das Unterhaltungsprogramm.

Zu guter Letzt: Wer fliegt denn bei einem Frachtflug mit?

Personal bei Austrian Frachtflügen

Marc Lucas:

Auf den Strecken nach Asien fliegen wir aufgrund der Länge in der Regel mit einer erweiterten Crew, das heißt es befinden sich drei Piloten im Cockpit, die sich in den verschiedenen Phasen des Fluges abwechseln. Wir haben immer einen sogenannten „Loadmaster“ dabei, der sicherstellt, dass alle Güter ihren korrekten Platz finden und dass alle Verfahren zur Beladung auch eingehalten werden. Die Beladung von Passagiersitzen oder ganze Hauptdecks mit Gütern ist ja schließlich ein Sonderverfahren, für welches Erfahrung und Routine durchaus sinnvoll sind.

Crew nach dem Frachtflug
Frachtbeladung einer Austrian B777

Je nach Zielflughafen haben wir auch einen Techniker an Bord. Und obwohl wir keine Passagiere an Bord haben, werden unsere Flüge durch FlugbegleiterInnen begleitet. Während des Fluges müssen in regelmäßigen Abständen Fracht und Kabine überprüft werden. Dabei setzen die KollegInnen auch Maßnahmen zum Brandschutz um und prüfen, ob sich die Ladung noch am richtigen Platz befindet. Alle Crewmitglieder zusammen sorgen für eine sichere Durchführung unserer Frachtflüge auf allerhöchstem Niveau.

Danke, lieber Marc, für deinen Einblick hinter die Kulissen der Frachtflüge während der COVID-19-Krise. Weiterhin alles Gute und bleib gesund!

Eine unglaubliche logistische und planerische Meisterleistung, von der keiner gedacht hätte, dass wir es möglich machen können.

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